Die Luft wird dünner, weil der Raum größer wird

Aktualisiert: vor 2 Tagen
Zum Tod von Boris Bornemann
Sonnengesichter Kleine Britta #4, 2026 Cyanotypie auf Elektrikergips Ø 335 mm, Stärke 13 mm Sonnengesichter Baby Maria #1, 2026 Cyanotypie auf Elektrikergips Ø 335 mm, Stärke 20 mm Sonnengesichter Baby Britta #3, 2026 Cyanotypie auf Elektrikergips Ø 335 mm, Stärke 15 mm Sonnengesichter Kleine Frauke #2, 2026 Cyanotypie auf Elektrikergips Ø 335 mm, Stärke 15 mm
Sonnengesichter – Baby Maria, kleine Frauke, Baby Britta, kleine Britta – drei Generationen als Mondgesicht, 2026 Cyanotypie auf Elektrikergips, je Ø 335 mm, Stärke 13–20 mm
In Hamburg wurden vier Gips-Scheiben in einem auf der Straße gefundenen Ikea-Blechtablett gegossen und die Repros der Gesichter erstellt. Die Platten wurden dann mit der Fähre von Travemünde nach Helsinki transportiert und mit dem Zug weiter nach Oulu. Dort wurden die Cyanotypien belichtet und final mit Essigwasser getont. Die vier Sonnengesichter-Scheiben wurden anschließend mit dem Auto zum Polarkreis nach Rovaniemi gebracht und zurück mit dem Flugzeug nach München.
Der Gips ist unbehandelt, nicht gesperrt – möglich, dass er die Cyanotypie mit der Zeit vollständig aufnimmt.
Konzept, Guss, Cyanotypie, Repro: © 2026 Britta Eriskat
Ich komme gerade aus Finnland zurück. In Kierikki, in Nordfinnland, war ich in einem Steinzeitdorf. Dort wurden Anhänger, Perlen und Knöpfe aus Bernstein gefunden, die von der Ostseeküste stammen, über tausend Kilometer entfernt, aus der Gegend, aus der mein Vater kommt: Königsberg, heute Kaliningrad. Sie sind zwischen 4.000 und 6.000 Jahre alt. Nach Nordfinnland wurden sie, so wird vermutet, zu Fuß getragen.
Der Bernstein in Kierikki lag nicht in Gräbern, sondern in den Siedlungsschichten. Mein Lieblingsstück ist ein Knopf mit gezackt gesägtem Rand, aus dem die Mitte herausgebrochen ist, wohl bei dem Versuch, die beiden Knopflöcher zu bohren.
Er sieht aus wie eine Sonne.
Weil er in der Nähe von Birkenpech, dem Kaugummi der Steinzeit, mit Kinderzahnabdrücken gefunden wurde, wird überlegt, ob es sich um eine Grabbeigabe aus einem Kindergrab handelt.
Meine Mutter kam aus Neustadt in Holstein an der Ostsee, auch dort gibt es Bernstein. Ich habe schon als Kind jeden gelben Stein am Strand an meine Zähne geklopft, um zu prüfen, ob es Bernstein ist. Wir liefen als Familie die Strandsäume ab und schauten, ob sich einer zwischen vertrockneten Algen versteckte. Meinen kleinen Bernstein aus der Kinderzeit trug ich auch in Kierikki am Hals.

Meine erinnerte weibliche Ahnenreihe war ebenfalls dabei, in Form von Gipsplatten, die ich in Hamburg gegossen und in Oulu per Cyanotypie mit unseren Gesichtern belichtet habe: die Arbeit "Sonnengesichter". Sie zeigen meine Großmutter als Baby, meine Mutter als Kind und auf zwei weiteren Platten mich, als Baby und als Sechsjährige. Ich habe sie bis an den Polarkreis geschleppt, bis nach Rovaniemi. Sie sollten dabei sein.
In dem Steinzeitdorf kam alles zusammen. Kinder, Birkenpech, Bernstein, Begräbnis, Ritual, Rötel und vermischte Sandschichten. Das, was von einem Leben nach Tausenden von Jahren übrig bleibt. Es war so interessant, weil es meine Familiengeschichte so direkt betraf. Beim Begräbnis meiner Mutter, das fast achthundert Kilometer von ihrem Geburtsort entfernt in Andechs stattfand, hat mein Cousin einen Bernstein von der Ostsee mitgebracht und ihr ins Grab gelegt. So schafft man noch heute Verbindung, genau wie seit Tausenden von Jahren. Verbindung für die Tote zu ihrer Heimat, für die Lebenden ein Gefühl von Halt, ihr etwas mitgeben zu können: einen Anker, einen Wegweiser, etwas Warmes, Goldenes.
Steinzeitliches Begräbnisritual aus Steinzeitdorf Kierikki Begräbnisritualutensilien aus Steinzeitdorf Kierikki Begräbnisritualmaske aus Steinzeitdorf Kierikki Begräbnisritualutensilien aus Steinzeitdorf Kierikki Steinzeitliches Begräbnisritual aus Steinzeitdorf Kierikki
Interaktives Begräbnis in Kierikki © Britta Eriskat, 2026
In Kierikki kann man interaktiv einen Toten bestatten. Sehr modern und innovativ, was dort im Museum gezeigt wird. Man sieht den toten Menschen liegen, wählt aus, was man ihm mitgeben möchte, und sieht dann zu, wie er sich auflöst, bis am Ende nur noch der Rötel übrig bleibt. Mich hat das total beeindruckt. Dieses uralte Ritual und die hypermoderne Technik. Und alles von uns Homo sapiens geschaffen. Unsere zutiefst menschlichen Bedürfnisse haben sich seit der Steinzeit nicht verändert.
Wir schmücken uns und unsere Häuser und auch unsere Gräber. Wir leben immer noch zusammen, wir lieben uns und kämpfen. Wir essen, wir trinken, wir werden krank. Wir hängen voneinander ab, von Geborgenheit, Wärme, Liebe, Zuneigung. Davon, dass die Sippe uns nicht verlässt.
Genau das wollte ich für meine Mutter und meine Großmutter. Und genau das wollte auch Boris Bornemann für die Menschen.
Er hat als Neurowissenschaftler die Meditations-App Balloon entwickelt und darin Anleitungen gegeben, unter anderem zur Metta-Meditation, die hilft, positive Gefühle zu kultivieren. Bei ihm habe ich gelernt, wie Interozeption wirken kann: durch die Meditationspraxis eine verbesserte Wahrnehmung der eigenen inneren Körpersignale zu erlangen. Er hat anhand von Studien erklärt, wie Meditation wirkt — eine Technik, die es seit Jahrtausenden gibt und die in unserer durchtechnisierten Welt jedem helfen kann, sich besser zu fühlen.
Ich selbst höre ihn seit fünf Jahren. Ich muss seine Stimme nur hören und noch gar nicht verstehen, was er sagt, dann fällt meine Stresskurve schon senkrecht nach unten.

Screenshot aus der Oura-App: meine Stresskurve nach der Balloon-Meditation um 18 Uhr © Britta Eriskat, 2026
Diese App wird jetzt aus dem Portfolio von RTL genommen, wegen einer strategischen Neuausrichtung. Ob das für die Menschheit zielführend ist, keine Ahnung. Sonst zählt immer die Menge — an Klicks, an Usern, an Geld. Bei Balloon haben die Zahlen alle gestimmt und sie haben die App trotzdem nicht halten können.
Boris Bornemann ist gestorben, als ich im August in Hamburg war, mit nicht mal fünfzig. Mich hat das echt umgehauen, weil er im Frühjahr ein Sabbatical gemacht hat und ich dachte, er startet gerade für seinen nächsten Kurs. Stattdessen ist er im Sommer tot! Kurz nachdem ich einen Brandbrief an meine Krankenkasse geschickt hatte. Das geht schneller, als man denkt. Wir sind Menschen.
Boris Bornemann hat etwas für die ganze Sippe gemacht, intrinsisch motiviert. Total wertvoll. Die Sippe hat ihn geliebt, aber sie hat ihn nicht halten können. Ich hoffe, ihm hat jemand etwas mitgegeben in sein Grab.
Wir tragen Steine über tausend Kilometer für einen Toten. Wie weit gehen wir für die Lebenden?
Ich habe meiner Krankenkasse geschrieben, über die ich die App bezogen habe.
"Die ungeschützte Abwicklung von Experten wie Dr. Boris Bornemann zerstört in einer von Ängsten geprägten Zeit jegliche intrinsische Motivation, gesellschaftsrelevante Themen überhaupt noch mit Herzblut umzusetzen."
Er lebte da noch.

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