- Britta Eriskat

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Aktualisiert: vor 3 Tagen

Trinkwasserpavillon für München: Der Große Sprudler — kostenloses Trinkwasser für alle, Treffpunkt und Aufenthaltsqualität für den öffentlichen Raum. Konzept, Idee, Ausarbeitung, Rendering: © 2021 Britta Eriskat
Anfang dieses Jahres stand ich in Christchurch vor der Cardboard Cathedral von Shigeru Ban — einer Kathedrale aus Papprohren, die nach dem Erdbeben 2011 als Übergangsbau errichtet wurde und inzwischen zu einem der ikonischsten Gebäude Neuseelands geworden ist. Die Röhren wurden vom Hersteller Sonoco gefertigt, mit Polyurethan beschichtet und mit Holz verstärkt.
"Die Lebensdauer eines Gebäudes hat nichts mit dem Material zu tun — sondern damit, ob es geliebt wird."
Shigeru Ban
Cardboard Cathedral von Shigeru Ban — einer Kathedrale aus Papprohren. © Britta Eriskat, 2026
Und genau in diesem Moment fiel mir mein eigenes Projekt wieder ein: der Große Sprudler. Aber nicht nur das Projekt — auch eine Erkenntnis über mein eigenes Arbeiten.
Papier und Pappe sind seit jeher meine bevorzugten Materialien. In meiner künstlerischen Praxis arbeite ich auf Papier — Monotypie, Graphit, Collage, Vergoldung.
Und auch den Großen Sprudler habe ich von Anfang an in Pappe entwickelt und präsentiert: die gestischen Pinselstrichzeichnungen auf Papier, die räumlichen Modelle aus Wellpappe von Gmund. Wellpappe ist stabil und lässt sich falten — so konnte ich die aufstrebende, gebündelte Struktur des Pavillons direkt aus dem Material heraus formen. Was in Christchurch passierte, war also weniger eine neue Idee als eine Bestätigung: Dass das Material, in dem ich denke und entwerfe, auch das Material sein kann, in dem gebaut wird.
Das Projekt
2021 habe ich das Konzept für einen skulpturalen Trinkwasserpavillon im öffentlichen Raum entwickelt. Die Idee: Eine offene, begehbare Struktur — inspiriert von Geysiren und klassischen Trinkkuranlagen — die einen Trinkbrunnen mit drei Höhen (Kinder, Erwachsene, Flaschenabfüllung) überdacht, sichtbar macht und als konsumfreien Treffpunkt in der Nachbarschaft fungiert.

Großer Sprudler — erste Skizzen. © Britta Eriskat, 2021

Großer Sprudler — Skizze. © Britta Eriskat, 2021
Wasser verbindet die Menschen miteinander und mit der Natur. Am Beispiel meines Sohnes habe ich gemerkt, wie schwierig es für junge Menschen ist, in der Stadt Orte zu finden, an denen sie sich ohne Konsumzwang aufhalten können. Auch ältere oder wirtschaftlich schwache Menschen können sich die Angebote der Stadt oft kaum leisten. Im Mittelpunkt sollte der Mensch und die Ökologie stehen.
Das Projekt wurde beim New European Bauhaus Award 2022 eingereicht, beim Universal Design Contest 2022 mit dem Consumer Award ausgezeichnet und einem Gremium des New European Bauhaus im Oskar-von-Miller-Forum präsentiert.

Visualisierung Großer Sprudler © Britta Eriskat, 2021


Moodboard für den Großen Sprudler © Britta Eriskat, 2021
Großer Sprudler — Modell und Zeichnung der Trinkbrunnen im Innenraum © Britta Eriskat, 2021

Großer Sprudler — Innenraumgestaltung mit Trinkbrunnen. © Britta Eriskat, 2021
Warum jetzt?
München hat seit dem 22. März 2026 mit Dominik Krause einen grünen Oberbürgermeister — den ersten in der Geschichte der Stadt. Er tritt sein Amt am 1. Mai an. Gleichzeitig hat München sein Trinkbrunnennetz in den letzten Jahren massiv ausgebaut: Ende 2025 gab es fast 100 Trinkwasserstellen im öffentlichen Raum, und über die Bürgerbeteiligungsplattform fordern Anwohner*innen aktiv weitere Brunnen in ihren Vierteln.
Aber: Die bestehenden Trinkbrunnen sind reine Funktionsobjekte — Edelstahlstelen, kaum sichtbar, ohne Aufenthaltsqualität. Was fehlt, ist ein Ort, der Wasser nicht nur bereitstellt, sondern feiert. Ein Ort, der Schatten spendet, Neugierde weckt, Generationen zusammenbringt und zeigt, dass öffentlicher Raum mehr sein kann als Durchgangszone.
Pappe als Baumaterial
Was beim Großen Sprudler bisher offen war: die Frage des Materials für die Überdachung. Die röhrenförmige Geometrie industrieller Papprohre passt formal genau zur Struktur des Pavillons — die gebündelten, aufstrebenden Linien meiner Entwurfszeichnungen und die gefalteten Wellpappe-Modelle lassen sich direkt in Baumaterial übersetzen. Vom Gmund-Wellpappemodell auf dem Ateliertisch zum begehbaren Pavillon im Stadtraum — der Maßstab ändert sich, das Material bleibt.
Shigeru Ban hat seit den 1980er Jahren bewiesen, dass Papprohre erstaunlich tragfähig, recycelbar, kostengünstig und überall verfügbar sind. Beschichtet mit Polyurethan sind sie wasser- und feuerbeständig. Er hat damit eine Kathedrale gebaut, die neuseeländische Erdbebenstandards für 50 Jahre erfüllt. Für einen Pavillon im Münchner Stadtraum wäre das Material perfekt — auch als Statement: Dass aus dem Alltäglichsten etwas Besonderes entstehen kann.
Und für mich persönlich schließt sich ein Kreis: Das Material, in dem ich seit Jahrzehnten arbeite, könnte das Material sein, in dem der Große Sprudler Wirklichkeit wird.

Großer Sprudler — Vorentwurf, Modell aus Wellpappe. © Britta Eriskat, 2021
Ausblick
Der Große Sprudler ist bereit für den nächsten Schritt. München hat den politischen Willen, die Infrastruktur und den Bedarf. Ich möchte dieses Projekt in einen Dialog mit der neuen Stadtregierung bringen — als Prototyp für einen anderen Umgang mit Trinkwasser im öffentlichen Raum. Nicht als Stele am Straßenrand, sondern als Skulptur, als Treffpunkt, als Zeichen dafür, dass Wasser uns verbindet.

Großer Sprudler — Pavillon am Tag © Britta Eriskat, 2021
Auszeichnungen
Consumer Award, Universal Design Contest 2022
Teilnahme New European Bauhaus Award 2022
Präsentation vor einem Gremium des New European Bauhaus, Oskar-von-Miller-Forum München
Kontakt
Britta Eriskat, München















